Humanistische Gemeinschaft Neu-Isenburg

Humanismus


Was wir darunter verstehen

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Essay: Was ist Humanismus?

Woher kommt er? Wofür steht er? - sind drei der Fragen, die wir uns einmal bewusst machen wollen, denn: Es stellt sich auch die Frage: Reichen die üblichen Antworten dazu überhaupt aus? Um es vorwegzunehmen: NEIN!

Was also fehlt an den allgemeinen, öffentlich lernbaren Definitionen noch, um sich wirklich - und redlich - einen Humanisten nennen zu können? - und in nachhaltiger Weise ein wirklicher Humanist zu sein?!

Tauchen Sie also kurz mit uns ein in das letzte fehlende Element unseres alltäglichen Verhaltens, damit wir uns danach richten können bzw. den Humanismus in dynamischer und aktiver Weise in - und mit uns - zu den anderen Menschen zu tragen.

Lernen Sie zu verstehen, warum die üblichen Definitionen alleine eben nicht ausreichen und warum der Humanismus in der Wahrnehmung der Menschen oftmals so akademisch und sperrig daherkommt. Erkennen Sie auf der anderen Seite aber, wie einfach es doch letztlich ist, auf dieser hier diskutierten Basis und als wichtige Ergänzung für unser Wertesystem, den Humanismus in unserem ganz persönlichen Alltag aktiv zu leben und allzeit für das allgemeine Wohl aller Menschen im Hier und Jetzt verwenden zu können, ohne dass uns diese akademische Sperrigkeit überhaupt abschrecken muss!

Was also ist unter Humanismus zu verstehen?

Alle Humanisten sind sich im Klaren, warum sie diese Einstellung tragen wollen - so scheint es. Stellt sich nur die Frage: »In welchem Klaren« aber ist sich jeder Einzelne von uns?

Sicherlich: Die Meisten sind bestimmt davon überzeugt es zu wissen. Aber was wissen sie tatsächlich darüber? - und wir wagen die unterstellende Behauptung, dass sich heute die Wenigsten wirklich darüber bewusst und im Klaren sind - im Sinne der positiven und konstruktiven Konsequenzen für ihr eigenes Leben und - ganz wichtig: ihrem alltäglichen Verhalten anderen gegenüber.

Wenn wir uns über diverse Lexika, Literaturen oder das Internet informieren, dann lernen wir sehr schnell wie der Humanismus definiert wird, etwas über die Historie des Begriffs und der Bewegung, was das mit den Menschenrechten zu tun hat, u.v.a.m. Wer das einmal getan hat, aber nicht skeptisch darüber reflektiert, der wird wohl kaum bemerken, dass diese Informationen zwar notwendig sind, aber nicht hinreichend in dem Sinne, was wir im Alltag andauernd denken, entscheiden und handeln müssen; wie wir also ticken müssen, um wirklich humanistisch eingestellt, human handelnd und Humanität aktiv lebend zu sein, sowie diese Art zu denken, zu urteilen und zu handeln als Vorbild für ein allgemeines Wohl der Menschen in unser gesellschaftliches Umfeld hinein zu bewerben. Genau das aber wäre das, unter einer ernsthaft gemeinten Einstellung stehende Ideal. Das soll aber - und um es deutlich hervorzuheben: nicht behaupten, dass wir - jeder einzelne von uns - nicht in bester Absicht handeln würden. Wir sind überzeugt, dass sich jeder in Bezug auf sein Wissen und Können entsprechend verhält. Die Frage ist nur: Was könnte dazu noch fehlen?

Doch zunächst erst einmal die allgemein üblichen Argumente, was unter Humanismus zu verstehen ist:

Der deutsche Begriff »Humanismus« wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts von dem deutschen Philosophen und Theologen Friedrich Philipp Immanuel, Ritter von Niethammer (1766-1848) eingeführt.

Aus heutiger Sicht ist der Humanismus getragen von einem allgemeinen Wertekanon:
- allem voran: der »Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte«
- eines ethisch fundierten Fairnessverhaltens
- der Ablehnung des Moralisierens nach dem Motto: »Nur wir sind die Guten und die anderen sind böse«
- der Ablehnung von Zentralismus, Populismus, Nationalismus, Rassismus, Sexismus und Speziesismus, sowie Realität leugnender Ideologien, Irrationalität und Wissenschaftsfeindlichkeit
- einer naturalistischen und rationalen Weltanschauung, die u.a. das Wohl für alle im «Hier und Jetzt« im Fokus hält und nicht aufgrund von absurden Jenseitsvorstellungen meint, man könne sich und anderen durch Schuldeinrede und Androhung von Höllenqualen die Lebensqualität zerstören
- einer fundierten Ergebnisoffenheit bezüglich rationaler und wissenschaftlicher Erkenntnisse
- einer würdevollen, ethisch fairen und sachlichen Toleranz, aber auch klarer Grenzen der Toleranz mit dem Motto: »Wer kritiklos für alles offen ist, ist nicht ganz dicht!«
- der Gleichberechtigung, gerade von Mann und Frau sowie aller Ethnien durch gleiche Berücksichtigung gleichrangiger Interessen
- der freien sexuellen Selbstbestimmtheit
- der Selbstbestimmung des Denkens und des eigenen Lebenskonzepts
- der körperlichen Unversehrtheit
- der demokratischen Prinzipien und der Kontrolle durch Gewaltenteilung sowie der Presse- und Versammlungsfreiheit
- der fundierten Rechtsstaatlichkeit und des demokratischen Wertesystems
- und nicht zuletzt der Religions- und Weltanschauungsfreiheit, auch und gerade der sogenannten »Negativen Religionsfreiheit«, also »Frei von Religion« zu sein im Sinne der Ablehnung irrationaler Glaubensvorstellungen.

Dieser öffentlich-gesellschaftliche Wertekanon reicht aber noch nicht aus. Zur Voraussetzung einer humanistischen Lebensauffassung kommen noch diese persönlich orientierenden Werte, Ideen und Prinzipien hinzu: Vernunftorientiertes und rationales freies Denken, Gelassenheit, Ergebnisoffenheit, Selbstbestimmtheit, Individualität, Solidarität und Mitgefühl, sowie die Gewissheit, dass wir alle nur dieses eine Leben haben im Hier und Jetzt.

Jeder muss sich selbst fragen, ob er eines oder mehrere Punkte von diesem Orientierungskanon aus seiner persönlichen Empfindungslage heraus abzulehnen fühlt. Das bedeutet nämlich - und um es klar zu sagen -, dass man eben nicht voll umfänglich ein Humanist ist und insofern, so man es aber dennoch sein will, an sich arbeiten muss, um sich dem Prozess der eigenen skeptischen Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit vorsätzlich bewusst auszusetzen. Nur dadurch ist zu erkennen, warum eine ablehnende Gefühlslage eben nicht zielführend ist.

Aber selbst wenn jemand dies alles in vollem Umfang lediglich nur akzeptiert, dann aber alles auf sich beruhen lässt und im Alltagsverhalten wieder vergisst, dann bedeutet das ein nur passives Mit- und In-sich-Tragen des humanistischen Grundgedankens. Von einem wahren, humanistisch überzeugten Verhalten ist diese Person dann aber noch weit entfernt.

Wenn wir den Humanismus also aktiv leben und auch im Sinne unserer Gemeinschaftsziele weitertragen wollen, dann gehört neben dem rein definierten Sachwissen ein letztes sehr wichtiges Moment dazu. Kommen wir also nun zu einem sehr wichtigen Begriff, den wir uns klar machen müssen, um uns im Umgang mit anderen Menschen - in fundierter Redlichkeit - einen aktiven Humanisten nennen zu können:

Die Mündigkeit

Was aber ist darunter zu verstehen?

»Mündigkeit« ist letztlich der aktivierende Schlüssel zu dem oben aufgeführten humanistischen Wertekanon an (eben nur) voraussetzenden Attributen.

Eine sehr wichtige Lebensweisheiten und Richtspruch in diesem Zusammenhang ist dieser persönliche kategorische Imperativ:

»Gedenke der Folgen deines Tuns!« - oder anders gewendet:

„Sei dir unablässig und jederzeit darüber bewusst - auch und gerade im Alltag -, dass jedes durch dich gesetzte Entscheiden, Verhalten und Handeln in die Welt hinein wirkt; dass also die Lebensräume und das Bewusstsein all deiner Mitlebewesen in deiner Umgebung von dir beeinflusst und verändert werden!“ - so, wie es dieser Essay mit Ihnen gerade eben auch tut!

Aktiv gelebter Humanismus setzt also Denken, Entscheiden und entsprechendes Handeln in einem permanenten selbstbewussten bzw. selbst-beobachtenden skeptisch-kritischen Klima voraus - und wir kommen zur eigentlichen Definition:

Mündigkeit bedeutet also:

Jede beliebige Tat - jederzeit - vor sich selbst und anderen »verantworten zu können« und nicht »verantworten zu müssen«. Wenn wir unser Verhalten also nachträglich vor anderen »verantworten müssen«, dann ist es schon zu spät und unser notwendig bewusstes und Verantwortungs-getragene Tun für ein humanistisch wohlwollendes, zwischenmenschliches Klima hat in diesem Sinne längst versagt.

Jede - auf diese selbstkritisch-orientierende Weise - bewusst getroffene, also mündig entschiedene Tat, ist getragen von der selbstauferlegten Bereitschaft zur Verantwortung die Schuld oder Zeche für die Konsequenzen des eigenen selbstbestimmten Tuns zu bezahlen bzw. stärker ausgedrückt: »bezahlen zu wollen« und nicht zu müssen, selbst dann, wenn es sich um eine verwerfliche Tat handelt. Nur dieses bewusste, selbstgetragene, eben mündige, Wollen ist die notwendige Voraussetzung dafür, überhaupt die eigene Bereitschaft einzuleiten, eine verwerfliche Tat letztlich zu unterlassen.

M.a.W.: Mündigkeit ist ein Verantworten-Können mit der vorweg entschiedenen, tatsächlichen inneren Bereitschaft, klaglos und ohne Empörung über die eigene Schuld für die Konsequenzen einzutreten und die damit in Zusammenhang stehende Schuld auch tragen zu wollen! Insofern führt dieser Verhaltensakt immer zu einer, von bewusstem Wollen getragenen Entscheidung, die - und das ist nun sehr wichtig: in konstruktiver Weise das allgemeine Wohl im Fokus hält und ein verwerfliches sowie nachgerade emotionales Verhalten bewusst auszuschließen vermag!

Zusammenfassung und Fazit:

Ein bewusstes Verantworten-Können und nicht ein Verantworten-Müssen, also das alltägliche permanente Getragen-Sein von der vorhergehenden bewussten Entscheidung zu einer Handlungsausübung und nicht zu vergessen die eigene innere Bereitschaft die Schuld zu tragen und die Zeche zu bezahlen, selbst dann, wenn die Handlung falsch oder destruktiv war, erfüllt den Begriff und die Bedeutung von »Mündigkeit«.

Diese Bedeutung ergibt zusammen mit den oben aufgeführten, passiven Werte-Attributen des Humanismus einen wahren, authentischen und aktiv gelebten, dynamischen Humanismus im Sinne des selbstbestimmten freien Denkens und Verhaltens im Umgang mit anderen Lebewesen, Menschen und Dingen, sowie der uns umgebenden und uns bewahrenden Natur.

Und selbst wenn uns das nicht immer gelingt, dann ist es an der Zeit es so einzuüben, dass das zu einer bzw. unserer permanent bewussten, mündig-humanen und persönlichen Identität führt, die wir aus uns selbst schöpfen und die uns letztlich ausmacht, denn genau das ist unter Lebenssinn und Mitmenschlichkeit im Rahmen des Humanismus zu verstehen.

Mit anderen Worten:

Aktiv und dynamisch gelebter Humanismus geht auf dieser Basis von der grundlegenden Entscheidungs- und Entwicklungsfähigkeit des Menschen aus. Das Ziel dessen ist letztlich ein ethisch faires Verhalten untereinander zu garantieren und zu bewerben - und darauf fußend ethisch die effizientere und konstruktivere Verhaltenswahl zu treffen. Nur damit sind ein bestmögliches Wohl und kein Wehe für alle Lebewesen zu ermöglichen, damit sich für uns alle ein zufrieden-stellendes gutes Leben im Hier und Jetzt einzustellen vermag.

Und um es noch einmal klar auszudrücken: Hierzu braucht es keine Religion!