Humanistische Gemeinschaft Neu-Isenburg

Humanismus


Was wir darunter verstehen

humanismus.jpg

Essay: Stufenmodell der Moralentwicklung

Wenn wir das alltägliche Verhalten der Menschen betrachten, dann fällt ein ausgeprägtes Gefälle des Handlungsbewusstseins zwischen einfachsten moralischen »Nur WIR sind die Guten«- und differenzierten, ethisch begründeten Fairness-Einstellungen auf. (Siehe hierzu unbedingt den vorherigen, voraussetzenden Artikel »Moral kontra Ethik«!) Dabei sind die naiveren moralischen Verhaltensnormen aus mehreren Gründen deutlich öfter vertreten:

1. Weil der Mensch seine höheren, kultur- und gesellschaftsverträglichen Bewusstseinsstufen in einem langen Prozess von Geburt an erst erlernen muss.

2. Weil differenzierte ethische Verhaltens- und Einstellungsnormen ein deutlich umfangreicheres, kritisches und vor allem selbstkritisches Bewusstsein, sowie die fundierte, selbstüberzeugte Bereitschaft zu Wissen und Aufgeklärtheit erfordern.

3. Weil die meisten Menschen auf dieser Erde in Gesellschaftssystemen groß werden (müssen), die das freie Denken zu einem kritischen und selbstbestimmten Bewusstsein aus stark ideologischen oder weltanschaulichen Gründen verhindern oder in fundamentalistisch-radikalisierten Glaubenssystemen sogar massiv unter Strafe stellen.

Der US-amerikanische Psychologe und Professor für Erziehungswissenschaft an der Harvard University, Lawrence Kohlberg (1927-1987), hatte die moralische Entwicklung des Menschen anhand empirischer Beobachtungs- und Forschungsdaten analysiert, Kategorien erkannt und in einem Stufenmodell zusammengefasst.

Quellen: »wikipedia: Lawrence_Kohlberg«
und »wikipedia: Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung«
[beide 20.12.2017]

Kohlberg erkannte vorausgehend drei notwendige Kriterien, damit sich ein Mensch überhaupt zu einer weiteren Stufe gesellschaftsverträglichen Handlungsbewusstseins entwickeln kann:

1. Er muss seine soziale Perspektive von einer rein egozentrischen, zu einer bewussten Wahrnehmung der existenziellen Ansprüche anderer Menschen in der Gesellschaft erweitern.

2. Er muss die Verortung seiner moralischen bzw. ethischen Selbstbestimmung durch die Fähigkeit verbessern, rein moralische Normen zu hinterfragen und begründen zu können.

3. Er muss die Regeln seines Handelns, weg von rein egozentrischer Lust bzw. -Unlust-Begründung, schrittweise hin zu einem fundierten, einheitlichen Konzept an allgemeinverträglichen Normen abstrahieren.

Unter diesen Bedingungen des skeptischen und bewussten Umgangs mit Verhaltensnormen besitzt ein Mensch nach Kohlberg alle Voraussetzungen, um seine soziale Existenz im Umfeld seiner Gesellschaft weiter zu entwickeln. Nur wenn das viele Menschen schaffen, dann wird sich auch ihr Gesellschaftssystem als Ganzes zu humanistisch wohlwollenden Werten weiterentwickeln können.

Schlussendlich konnte Kohlberg drei Ebenen mit je zwei Teilstufen des Entwicklungsstandes der Menschen erkennen, und unterscheiden wo sie individuell zu verorten sind:


1. Die präkonventionelle, vormoralische Ebene
(Erste von drei Hauptebenen)


1a) Erste Stufe: Die Orientierung an Gehorsam und Strafe

Dies ist die frühkindliche Orientierung. Sie entspricht dem Niveau der meisten Kinder bis etwa zum neunten Lebensjahr sowie einiger Jugendlicher. Aber auch viele jugendliche und erwachsene Straftäter sind hier zu verorten, weil sie diese Ebene nie wirklich verlassen konnten oder haben. Die Lebensorientierung richtet sich hier (noch) nicht nach moralischen Ansprüchen, sondern im Wesentlichen an selbst-empfundenen, egozentrischen Machtpotenzialen nach dem Motto: »Der Stärkere gewinnt!« Die von Autoritäten gesetzten Regeln werden nur dann befolgt, wenn man sich beobachtet fühlt, um eine Strafe zu vermeiden. Das Wohl oder Wehe anderer Menschen ist auf dieser Stufe völlig irrelevant.

1b) Zweite Stufe: Die instrumentell-relativistische Orientierung

Sie gilt im Grunde auch noch für Kinder, aber unterscheidet sich von der 1. Stufe mit der rein reaktiven Strafvermeidung, dass sie beurteilen und wahrnehmen, ob ihr Handeln unabhängig vom Beobachtet-Werden gut oder schlecht für sie ausgeht bzw. ausgehen könnte. Es ist aber leider auch die Ebene der Rache nach dem Motto: »Wie du mir, so ich dir!« (Tit for Tat, Auge um Auge, etc.) und wirft ein deutliches Licht auf die Stufe der moralischen Entwicklung derjenigen Kulturen, in denen Stolz und Ehre sowie im Extrem z.B. Blutrache und Ehrenmorde oder das Scharia-Bestrafungssystem (was eigentlich ein Rache-System ist) zum gesellschaftlichen Alltagsdenken gehören.


2. Die konventionelle Moralebene
(Zweite von drei Hauptebenen)


In dieser Ebene ist der Großteil aller Jugendlichen und Erwachsenen mit der üblichen Moralorientierung zu verorten.

2a) Erste Stufe: Die interpersonale Konkordanz (Übereinstimmung)

Die vorgegebenen moralischen Erwartungen von Bezugspersonen und Autoritäten werden nun als vorteilhaft erkannt. Man möchte diesen - nicht nur aus Angst vor Strafe - entsprechen, weil das die eigene Identität in einer Gruppe zu stärken scheint. Es ist die sogenannte »good boy« bzw. »nice girl«-Orientierung.

Im Voraus eines schlechten Verhaltensansatzes entwickeln sich Skrupelgefühle und Gewissensbisse, und nachträglich Schuldgefühle, wenn man den Erwartungen nicht gerecht werden konnte. Korrespondierend dazu richtet und fordert man dann die gleiche moralische Erwartungen an das Verhalten Dritter, was von der autokratischen Obrigkeit zu ihrem Machterhalt leicht ausgenutzt werden kann.

Diese Stufe kennzeichnet den weltanschaulichen und obrigkeitsorientierten Glauben, die Kritiklosigkeit und die fehlende Skepsis gegenüber den vorgegebenen Denk-, Bewertungs- und Verhaltensmustern. Richtig hat hier zu sein, was der Obrigkeit gefällt, was die Menschen auf dieser Stufe nachgerade (und freiwillig) zu willenlosen Marionetten entmündigt und degradiert. Es ist genau die Ebenenstufe, wo sich die stark religionsgläubigen und somit letztlich die allermeisten Menschen dieser Welt befinden. Im Kontext der Mächtigkeit der noch folgenden Stufen zeigt das ein noch großes Defizit gegenüber dem, was darüber hinaus noch möglich ist.

2b) Zweite Stufe: Die Orientierung an Gesetz und Ordnung

In dieser Ebenenstufe wird gegenüber der Vorherigen zwar schon eine tiefere Bedeutung moralischer Normen und allgemeiner Regeln für das (allerdings nur) bloße Funktionieren einer Gesellschaft erkannt aber immer noch kritiklos befolgt bzw. durchgesetzt. So auch die allgemeinen gesellschaftlichen Erwartungen, die nicht direkt von Bezugspersonen angesprochen oder definiert werden.

Diese Ebenenstufe ist im Umkehrschluss - nun als aktive Einforderung von Gesetz und Ordnung - genau die Stufe, die die Voraussetzung bildet, wo sich Obrigkeiten, selbstgefällige Autokraten, Diktatoren und klerikale Machthaber tummeln, um ihre Hackordnung zu erhalten und alles zu tun, damit alle anderen auf der Hackordnungsstufe »2a)« unter ihnen verbleiben. Es ist die letzte Stufe bevor sich das Bewusstsein zu ethischen Maßstäben, also vom moralisierenden Gut-Böse-Denken zu ethischem Fair-Unfair-Denken wandelt und genau die Stufe, die das Vorbeientwickeln aller anderen Menschen zur Ebene 3. mit ihren beiden Stufen kulturell zu verhindern sucht. Nicht umsonst werden genau diejenigen der Ebenenstufe »2a)«, die es trotzdem tun, von den Oberen auf dieser Stufe »2b)« vehement bekämpft. Genau hier wird die gesellschaftliche Moralstruktur des naivem Gut-und-Böse-Denkens bzw. von Macht und Ohnmacht deutlich.


3. Die postkonventionelle Ethik-Ebene
(Dritte von drei Hauptebenen)


Kohlberg konnte empirisch festzustellen, dass es nur ein kleiner Anteil der menschlichen Gemeinschaft auf diese Ebenenstufen »schafft« und meistens erst deutlich nach dem 20. Lebensjahr. Es ist die höchstmögliche Ebene, wo gesellschaftliche, das freie Denken und die Ausgrenzung, also die Konflikt-trächtigen und unterdrückenden »Macht und Ohnmacht«-Strukturen endlich verlassen werden, damit ethische Denkkategorien in Bezug auf fairen Umgang miteinander aktiv gelebt werden können.

3a) Erste Stufe: Die legalistische Orientierung am Sozialvertrag

Moralische Normen werden jetzt kritisch hinterfragt und nur noch dann als verbindlich und legal angesehen, wenn sie gut begründet sind. Es werden abstrakte Regeln aufgestellt, um Interessens-Konflikte lösen zu können. Das egoistische Eigengruppen-Denken »wir sind die Guten« und das Ausgrenzungs- oder Feindbild-Denken »ihr seid die Bösen des sogenannten Gruppismus ist überwunden. Neben dem Gewissen wird hauptsächlich die Frage nach der Fairness und nicht mehr die Frage nach der willkürlichen Gut-oder-Böse-Moral gestellt.

In dieser Ebenenstufe orientiert sich der Mensch an der Idee eines sozialen Gesellschaftsvertrags. Aus Gedanken der Gerechtigkeit und der »Nützlichkeit für alle« werden bestimmte Verhaltensnormen akzeptiert, andere nicht. Es ist die erste Ebenenstufe, wo sich der Gedanke allgemeiner und ethisch fairer »Menschenrechte für alle« überhaupt erst stellt. Nur etwa ein Viertel aller Menschen erreicht nach »Wikipedia« diese Stufe.

3b) Zweite Stufe: Die Orientierung an universalen ethischen Prinzipien

Diese höchste Ebenenstufe wird schließlich nach »Wikipedia« nur noch von weniger als 5% der Menschen erreicht, die aktiv hiernach Denken und Leben. Die noch diffuse statische Begründung von allgemeinen Normen der Stufe »3a)« wird noch einmal kritisch betrachtet und in einem fortwährenden (dynamischen) Prozess des zu verhandelnden Gesellschaftsvertrags weiter verbessert. Das Prinzip von zwischenmenschlicher Achtung, rationaler Vernunft, Fairness und Toleranz gegenüber Andersdenkenden wird einbezogen. Man beruft sich auf den Einklang von Universalität und Widerspruchslosigkeit. Es geht nicht mehr um konkrete moralische Verhaltensregeln, sondern um fundierte Prinzipien, wie z.B. dem Kategorischen Imperativ von Immanuel Kant, damit es überhaupt zu einer gleich-fairen Berücksichtigung gleichrangiger Interessen im zwischenmenschlichen Bereich kommen kann. Konflikte sollen argumentativ und unter Einbeziehung aller Beteiligten gelöst werden und ein freiheitlich demokratisches Wertesystem von weitestgehender Freiheit des eigenen Denkens und der Selbstbestimmung des eigenen Lebenskonzepts werden bevorzugt. Die individuelle Weltanschauung ist als reine Privatangelegenheit kein öffentlich-gesellschaftliches Verhandlungsthema mehr.


Alle Ebenen und Stufen noch einmal kurzgefasst:









Bei aller bisher gesammelten Kritik an möglichen Ausnahmen und Ergänzungen an diesem Modell und auch wenn es auf bestimmte Einzelfälle nicht immer zu passen scheint: Es bleibt unterm Strich dennoch eine allgemein stimmige Tendenz übrig, die statistisch erkennbar passt und letztlich auf das Durchschnittsverhalten der Menschen in ihren Gruppen übertragbar ist.

Fazit:
Mit diesem relativ leicht nachvollziehbaren Kategorienkonzept Kohlbergs kann jeder Mensch aber auch jedes Gesellschaftssystem analysiert werden, wo er/es sich in Bezug auf die moralische bzw. ethische Orientierung im Denken und Verhalten befindet. Es wird auch klar, dass eben doch mehr möglich ist, als es uns die Religionen und Ideologien mit ihren naiven, dogmatisch vorgegebenen (angeblichen) Wahrheiten und ihrer vermeintlichen Definitionshoheit über die Natur der Dinge weiß machen wollen. Diese stehen somit analysierbar unter jeglichem Mindeststandard eines erreichbaren bzw. dem zumindest von unserem verfassten Gesellschaftssystem mittlerweile erreichten, freiheitlich demokratischen Wertesystem der Ebene »3.«. Weiterhin können wir einschätzen, auf welcher Ebene sich ganze Kulturen und Gesellschaften von ihrer Entwicklung her befinden, denn es ist auch zu erkennen, wie das in einem tendenziellen, proportionalen Zusammenhang steht zu den inner- und zwischenstaatlich ausgetragenen Konflikten dieser Gesellschaften: Je tiefer die gesellschaftsverträgliche Verhaltenskompetenz und die Verortung des Denkens zu erkennen ist, desto wahrscheinlicher sind auch diese permanent anstehenden Konfliktpotentiale festzustellen. Das zeigt, wie sehr notwendig die weltweite Aufklärungsbereitschaft der Menschen über diese Zusammenhänge ist.

Weitere, sehr gut ausgearbeitete Informationen hierzu unter:
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MORALISCHEENTWICKLUNG/ [20.12.2017]